Grundwissen Grammatik

 

Mittelhochdeutsch zum Nachschlagen und Lernen

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Mit­tel­hoch­deutsch: Kontraktion

Kontraktion

Kontrahierte Silben treten auf bei inlautendem H, vân statt vâhen, oder den inlautenden Silben -ige-, -ibe-, -ide-, -ege-, -ebe-, -ede-, -age-, gelegentlich auch -ade-. Außerdem: lân statt lâzen.
Also muss man mit Kontraktion rechnen bei Silben, die „b“,„d“, „g“, „z“ oder „h“ enthalten. Vgl. Paul § M 108 ff.

Die durch Kontraktion entstandenen Vokale und Diphthonge können verschiedenste Ausgangspunkte haben, die Tabelle veranschaulicht die Kontraktionsergebnisse:

Es ent­steht … aus … In­fi­ni­tiv, star­ke Ver­ben Vol­le Form Kon­tra­hier­te Form In­fi­ni­tiv, schwa­che Ver­ben Vol­le Form Kon­tra­hier­te Form Wei­te­re be­trof­fe­ne Ver­ben
ei age tra­gen tra­get treit sa­gen ge­sa­get ge­seit be­ha­gen, be­ta­gen, ja­gen, kla­gen, ver­da­gen, ver­za­gen, wa­gen
ege tra­gen tre­get treit le­gen ge­le­get ge­leit re­ge­nen, se­ge­nen, be- / ûz­we­gen
ede re­den re­de­te rei­te
ige pfle­gen pfli­get pfleit li­gen
âhe ent­pfâ­hen ent­pfâ­het ent­pfeit  
æhe ent­pfâ­hen ent­pfæ­het ent­pfeit
ahe sla­hen sla­het sleit twa­hen
ê/e ede re­den re­de­te ret(te)
abe ha­ben ha­be­te het(te)
ihe se­hen si­het sêt je­hen, be- / ge­sche­hen
ehe se­hen ge­se­hen ge­sên je­hen, be- / ge­sche­hen, tre­he­nen
âhe ent­pfâ­hen ent­pfâ­het ent­pfêt
æhe ent­pfâ­hen ent­pfæ­het ent­pfêt
ahe sla­hen sla­het slêt
ebe ge­ben ge­ben gên
êhe vlê­hen vlên lê­he­nen
î ige pfle­gen pfli­get pflît ge­swi­gen → ge­swîn
ide que­den qui­det quît
ibe ge­ben gi­bet gît
ihe se­hen si­het sît
ehe se­hen se­hen sîn
â/a abe ha­ben ha­bet hât ent­ha­ben
abe ha­ben ha­be­te hat(te)
âhe ent­pfâ­hen ent­pfâ­hen ent­pfân hā­hen → hân, vā­hen → vân, sâ­hen (Prät.) → sân
ahe sla­hen sla­hen slân
âze lâ­zen lâ­zet lât
ie ige pre­di­gen pre­di­get pre­diet
ihe se­hen si­het siet
ehe se­hen se­hen sien
iehe vlie­hen vlie­het vliet
îhe zie­hen zî­het ziet wî­he­te wie­te ge­dî­hen
æ æze lâ­zen læ­zet læt
æhe smæ­hen smæ­he­te smæ­te ver­smæ­hen

Tabelle nach: KLEIN, Thomas, Hans-Joachim SOLMS, Klaus-Peter WEGERA, 2018. Mittelhochdeutsche Grammatik Teil II Flexionsmorphologie, Berlin, Boston, Seite 947 - 948

So in etwa die klassische Lehre. Bei einer Lexikonrecherche ergeben sich noch weitere Silben, für die kontrahierte Formen nachweisbar sind:
- â steht für auch für ade
[schadet|schât]
- æ steht gelegentlich für æje, ahe oder ehe
[blæjen|blæn, mahelen|mælen, stahelen|stælen]
- ê kann ege oder æje ersetzen
[negelen|nêlen, blæjen|blên]
- î steht auch für ebe, ege, iege, aber auch für îge, îde
[lîden|lîn]
- iu steht gelegentlich für iuwe
[kiuwen|kiun]
- öu steht gelegentlich für öuwe
[töuwen|töun]
- ou steht gelegentlich für ouge, ouwe
[lougen|lounen, trouwen|troun]

Kontrahierte Formen sind sowohl bei starken als auch bei schwachen   Verben möglich. Bei starken   Verben treten diese Formen besonders häufig im Präsens, bei schwachen Verben gerne im Präteritum und beim Partizip II   auf. Oft ist davon die 3. Person Singular betroffen. Im Mitteldeutschen sind kontrahierte Formen noch verbreiteter als im Oberdeutschen.

Starke Verben mit Kontraktion gehören oft der Ablautreihe   V, z. B. „geben“ oder „ligen“, beziehungsweise den Ablautreihe VI, z. B. „tragen“, oder VIIa, z. B. „entpfâhen“, an.

Liste kontrahierter Verbformen, die bei Lexer zu finden sind:

belân  belâʒen, stv.
beleit belegen, swv.
bevân bevâhen, stv.
blên blæjen, swv.
ente statt endete, gewöhnlich rückumlautend ante enden, swv.
enphân, emphân enphâhen, entvâhen, stv.
enthân enthaben, swv.
entseit, entseite entsagen, swv.
entslân entslahen, stv.
erdröun, erdrôn erdröuwen, swv.
ergên, ergît statt ergibet ergëben, stv.
erhân erhâhen, stv.
erjeite, Part. erjeit erjagen, swv.
erlân, Part. erlân erlâʒen, stv.
erlênen erlêhenen, erlêhen, swv.
Mitteldeutsch erslân erslahen, stv.
erweite, Part. erweit erwegen, swv.
gîst, gît; gëben, stv.
kalten gehalten, stv.
gelân gelâʒen, stv.
gelîn, gelît, gelîst geligen, stv.
gesân gesagen, swv.
gesæn gesæjen, swv.
bes. Mitteldeutsch geschên, geschêt = geschihet geschëhen, stv.
geseinen gesëgenen, swv.
Mitteldeutsch gesên, Prät. Pl. gesân gesëhen, stv.
gevân gevâhen, stv.
gevröun, gevreun gevröuwen, swv.
gutzen guckezen, swv.
Mitteldeutsch hôrn hœhern, swv.
horgen horwegen, swv.
jên, Präs. gihest = kontr. gîst jëhen, stv.
kiun, er kiut kiuwen, stv.
Mitteldeutsch u. ndrh. auch klân; für klaget, klagete auch kleit, kleite klagen, swv.
lîn lîden, stv.
lounen lougenen, lougen, swv.
mælen, Mitteldeutsch mâlen, mêlen mahelen, mehelen, swv.
mæn mæjen, swv.
nêlen nagelen, negelen, swv.
nân nâhen, swv.
næn, Mitteldeutsch nên næjen, swv.
phlîst statt phligest, phlît statt phliget phlëgen, stv.
reist, rêst, reit, reite, gereit statt redest etc. reden, swv.
reit, reite regen, swv.
reinen, rênen, rein rëgenen, swv.
sein, seist, seit sagen, swv.
schatte, schâte; Part. geschat, geschât schaden, swv.
schên schëhen, stv.
sênen, Prät. sênte, sênde sëgenen, sëgen, swv.
bes. Mitteldeutsch sên, Prät. Pl. sân, Part. gesên sëhen, stv.
slân slahen, stv.
smæn (smên), smân smæhen, smâhen, swv.
stælen stehelen, swv.
geswîn swîgen, stv.
töun, toun; Prät. töuwete touwete, töute toute töuwen, touwen, swv.
trân; treist, treit für tragest, traget; getrân tragen, stv.
trânen, trênen trahenen, trehenen, swv.
treieren trahieren, swv.
triun, troun trûwen, swv.
twân, dwân twahen, dwahen, stv.
Mitteldeutsch vergên verjëhen, stv.
vliese verliesen, vliesen, stv.
verunliumen verunliumunden, swv.
verzênden verzëhenden, swv.
vlien , vlein vliehen, stv.  sw.
volseinen volsëgenen, swv.
vreit, vreite = vreget, vregete vrëgen, swv.
wein wëgen, stv.  swv.

haben und hân

Zum Unterschied zwischen der Langform und den kontrahierten Formen des Wortes haben: In vielen Publikationen wird gesagt, dass die Langform dort auftritt, wo haben als Vollverb benutzt wird, und die kontrahierte Form primär bei haben als Hilfsverb verwendet wird.
Das lässt sich auf Grund von Korpusuntersuchungen allerdings für das Präsens nicht verifizieren. (0)

Kontrahierte Formen kommen im späten Althochdeutsch auf und sind bis zur Mitte des 12. Jahrhunderts noch relativ selten belegt, danach steigt ihre Verwendung sprunghaft an. Die kontrahierten Formen sind im Präteritum häufiger (ca. 95%) als im Präsens (ca. 70%) und im Singular Präsens (93%) häufiger als im Plural Präsens (40%).

Das Verb haben / hân erscheint in durchschnittlich 70% seiner Präsensformen in der kontrahierten Form. Es lässt sich ein deutlicher Numerusunterschied im Präsens feststellen: Kontraktion betrifft vor allem singularische Präsensformen (ca. 93%), während sich im Plural häufiger die Langform findet. Auch der Infinitiv ist häufiger in der Langform belegt. Kontraktionsformen finden sich allgemein häufiger im Mitteldeutschen, wo es auch im Plural Präsens hohe Anteile kontrahierter Formen gibt.

Präsens Indikativ und Konjunktiv I

  Langform (1) kontrahiert (2) Konjunktiv I (3)
ich habe, hab, haben hân habe (hâ)
du habest, habes hâst, hâs habest (hâst)
er, siu, ez habet hât, [hân, hânt] habe, (hâ)
wir haben hân, hânt haben (hân)
ir habet, habt, habent hât, hânt habet (hât)
sie haben, habent hânt, hân haben (hân)

(0) Die meisten Aussagen auf dieser Seite, besonders die mit Prozentangaben, folgen KLEIN, Thomas, Hans-Joachim SOLMS, Klaus-Peter WEGERA, 2018, S. 950 ff. Mittelhochdeutsche Grammatik Teil II Flexionsmorphologie. Berlin, Boston

(1) Die Langform flektiert regelmäßig wie die schwachen Verben.

(2) Kontraktionsergebnis ist ursprünglich ein Langvokal, der jedoch im Präsens und Präteritum auch gekürzt vorkommt. Die Kurzform flektiert analog den Wurzelverben   .

(3) Im Konjunktiv des Präsens erscheinen relativ häufig die unkontrahierten Formen. Die 3. Singular Konjunktiv Präsens lautet in 70% habe, in 30% ist das auslautende e apokopiert (hab).

Präteritum Indikativ und Konjunktiv II

  Langform(4) kontrahiert (5) Konjunktiv II (6)
ich habete hėt(e), hat(e), hiet(e), hæt(e) hėt(e), hiet(e), hæt(e)
du habetest, habetes (7) hėtest, hėtes, hatest, hates, hiete, hėt (7) hėtest, hėtes, hietest, hætest, hėte, hėst
er, siu, ez habete hėt(e), hat(e), hiet(e), hæt(e) hėt(e), hiet(e), hæt(e)
wir habeten hėten, haten, hæten, hieten hėten, hieten, hæten
ir habt-, habetet hėtet, hatet, hætet, hietet hėt, hėtet, hėtent, hætent
sie habeten hėten, haten, hæten, hieten hėten, hieten, hæten

Partizip II: gehab(e)t, gehaben, gehapt, gehėb(e)t, gehat

(4) Im Präteritum haben zumindest die wenigen, ab der Mitte des 13. Jahrhunderts noch belegten Langformen eine deutlich vom Hilfsverb verschiedene Bedeutung; sie finden sich besonders im Sinne von ‚ergreifen, besitzen, (fest)halten'. Die Langform ist in den letzten Zeiträumen des Mittelhochdeutschen deutlich auf die Vollverbbedeutung festgelegt. Bis zur 2. Hälfte des 13. Jahrhunderts kann eine Langform sowohl Hilfs- als auch Vollverbfunktion haben.

(5) Im Präteritum sind kontrahierte Formen noch häufiger als im Präsens.
Häufiger Vokal im Präteritum Indikativ in der kontrahierten Form ist e: Grund: Erhöhung der Tempusunterscheidung durch einen deutlich vom regulären Präsens-a unterschiedenen Vokal, da sonst beide Formen große Ähnlichkeit miteinander aufweisen.
Im Mitteldeutschen und Alemannischen umfassen die a-Präterita ca. 93% aller Belege. Die Tendenz zu e dagegen verstärkt sich während des 13. Jahrhunderts im Bairischen und im Ostfränkischen.
Das Schwanken zwischen a und e kann man auch damit erklären, dass -abe- entweder zu â/a oder zu ê/e kontrahiert werden kann. Siehe Tabelle weiter oben.

(6) Der Konjunktiv Präteritum ist stets kontrahiert und erscheint mittelhochdeutsch mit ė.
Auch im Konjunktiv sind wie im Indikativ Belege mit ‹e›, ‹ie›, ‹æ› und ‹ei› nachgewiesen, so dass Konjunktiv II und Indikativ Präteritum in großen Teilen formgleich sind.
Die kontrahierte Form mit ė (hėt, hėte, hėtte) ist im Konjunktiv Präteritum etwas häufiger (80%–90%) ,
Der Umlaut nach e oder æ im Konjunktiv II wird unterschiedlich erklärt:

a) Es handle sich um einen bereits im Althochdeutschen eingetretenen i-Umlaut, der sich - wie bei anderen hochfrequenten Verben, z. B. Präterito-Präsentia üblich - im Gegensatz zum Standardkonjunktiv II im Mittelhochdeutschen gehalten habe.

b) Man habe den Konjunktiv II analog zu den starken Verben gebildet, um den Konjunktiv formal klarer zu unterscheiden. Folglich sei der neuhochdeutsche Umlaut in hätte analogisch sekundär und stelle keinen mittelhochdeutschen Lautwandel dar.

(7) Die 2. Singular Präteritum endet regelmäßig auf -s oder -st.


Die Kontraktion gilt manchen als ein typisches Merkmal mittelhochdeutscher Texte: lân und hân sowie sîn, gân, stân (keine Kontraktionen, sondern Wurzelverben   ) prägen tatsächlich häufig das Erscheinungsbild des Mittelhochdeutschen.


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