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Mittelhochdeutsch zum Nachschlagen und Lernen

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Zweifelsfälle

Nicht alle Festlegungen, mit denen die vorliegenden Programme arbeiten, sind unstrittig:

Gehören beispielsweise "bringen", "vürhten" und "dünken" zu den 'rückumlautenden' Verben?

‚Rückumlautende‘ Verben im Neuhochdeutschen:
Grammatik-Duden: [626] Der Duden beschränkt die Menge der ‚rückumlautenden‘ Verben auf brennen, kennen, nennen, rennen. Senden und wenden werden gesondert behandelt – denken und bringen zählen nicht zu den rückumlautenden Verben – sie werden als unregelmäßig bezeichnet.

Helbig/Buscha: [1.1.4, S. 28] Als ‚rückumlautend‘  werden gelistet: brennen, kennen, nennen, rennen, senden, wenden „… Einige andere Verben (bringen, denken) verändern ebenfalls im Präteritum und Partizip II ihren Stammvokal im Verhältnis zum Präsens; außerdem wird das n des Präsens ausgestoßen und der dem n folgende Konsonant verändert.“

Grammis – ids-mannheim.de; Stichwort: Schwache Vollverben mit Vokalwechsel

Die Verben dieser Gruppe bilden den Übergang zu den starken Verben. Die Präterital-/Partizipialstammformen weisen ein -t-, die schwalose Variante des Präteritalsuffixes, und einen Vokalwechsel auf.
In dieser Gruppe können die sog. rückumlautenden Verben brennen, kennen, nennen, rennen, senden, wenden und die Verben mit sog. Ersatzdehnung denken, bringen, dünken zusammengefasst werden.
Letztere zeigen im Präteritum bzw. im Partizip II zusätzlich noch einen Konsonantenwechsel (z. B. denken - dachte bzw. gedacht). Wenn Wortformen des Präteritum Konjunktiv gebildet werden, weisen sie gegenüber den Wortformen des Präteritum Indikativ einen Umlaut auf (z. B. dächte). So kann für schwache Verben mit Vokalwechsel eine sekundäre Präteritalstammform für die Konjunktivbildung angenommen werden. Zumindest bei rückumlautenden Verben sind Präteritum-Konjunktiv-Formen (z. B. brennte) allerdings sporadisch. Senden und wenden werden auch ohne Vokalwechsel flektiert: sandte/sendete, wandte/wendete.

Sprachgeschichtlich

denken, dünken, vürhten, würken:

Paul [§ M 89]:„Bei denken (sowie auch dünken, würken, vürhten) sind das Prät und das Part. Prät schon urgerm. ohne den Zwischenvokal - i - gebildet worden, so dass sie von bestimmten vorgerm. und germ. Lautveränderungen betroffen waren: Die Prät. dâhte zu denken (wie auch brâhte zu bringen, § M 92) und dûhte zu dünken erklären sich durch den Primärberührungseffekt, § M 92) und den germ. Nasalschwund mit Ersatzdehnung (§ L 11); vorhte 'fürchtete`u. worhte 'wirkte' von vürhten bzw. würken zeigen den germ. a-Umlaut u > o (§ L 9). Außerdem ist in diesen Prät. der ahd. i-Umlaut unterblieben, so dass sich ein den rückumlautenden Verben vergleichbarer (wenn auch anders gearteter) Stammvokalwechsel ergeben hat.“

Flexionsmorphologie, V 79 ANM. 4 - S. 790 - unter der Makroüberschrift 'Rückumlaut': „Bei dėnken wurde das Prät./ Part.Prät. schon im Vorahd. ohne i/ j zw. Stamm und Dentalsuffix gebildet, die Durchführung des ahd. i-Umlauts unterblieb daher. Das Prät. dāhte resultiert aus dem Auftreten (vor)germ. Lautveränderungen (Primärberührungseffekt, germ. Nasalschwund mit Ersatzdehnung, vgl. Paul, Mhd.Gr., § L 11, L 66; ebenso: brāhte zu bringen). Im Mhd. liegt somit ebenfalls ein ė–a-Wechsel zw. Präs. und Prät. vor (vgl. Frnhd.Gr., § M 96, Anm. 1): Der Konj. Prät. weist Umlaut auf (ich rîete iv daz. daz ir ivch bedæhtet baz, Iw, 101v ,22; 5254) … “

Flexionsmorphologie, V 81 ANM. 1 - S. 793: „Bei dünken, vürhten und wirken / würken flektiert das Prät. bereits vorahd. ohne i/ j zw. Stamm und Dentalsuffix (Sg.Prät. ahd. dūhta, forhta, worhta), so dass auch hier alle Prät.-Formen ‚Rückumlaut' ausweisen sollten …“

Wegera listet denken, dünken, vürhten und würken  bei den schwachen Verben mit ‚Rückumlaut‘.

So scheint es vertretbar, denken, dünken, vürhten und würken hier als ‚rückumlautende' Verben zu bezeichnen.
bringen
Viele Quellen* beschränken sich de facto auf die Aussage, dass die Etymologie des Wortes bringen im Dunkeln liege.

DWDS - Stichwort bringen: „… Die weitere Herkunft ist nicht geklärt; …“

Feist: Im Gotischen „briggan (1. Sing. Prat. brāhta) … keine befriedigende Etymologie … Ae. bringan, Prät. brokte, afries.bringa, brochte, ahd. bringan, brahta; schw. Bild. in ae. brengan, afries. brenga, mndl. brenghen, as. brengian (aus *brangjan) bringen.“

Flexionsmorphologie, V 69 ANM.1 - S 776: - „Prät.-Präs. weisen innerhalb der sw. Dentalpräterita eine archaische Bildungsweise auf. Sie sind stets ohne Zwischenvokal gebildet und zeigen verschiedene Dentale im sw. Prät. (wis-se, mah-te, sol-de; zur Bildung s. § V 176ff), deren Ausgangspunkt nicht einheitlich *-d- (also keine Periphrase mit *dō- ‚tun‘, s. Anm. 2) sein kann. Bammesberger (1986,74ff) geht von Analogiebildungen nach finiten Perfekt- oder Aoristformen aus. Auch einige primäre Bildungen, deren Prät. bereits germ. ohne Zwischenvokal gebildet wurde (dėnken – dāhte, dünken – dūhte, vürhten – vorhte, wirken/ würken – worhte, brūchen – brūhte, bringen – brāhte), schließen sich dieser Bildungsweise an (s. § V 71, Anm. 2). Sie weisen im Prät. den Suffixdental *-t- (also ebenfalls keine Paraphrase mit *dō- ‚tun‘, s. Anm. 2) und teilweise ‚Rückumlaut‘ (s. § V 74) auf (vgl. Bammesberger 1986, 77ff) …“

De Boor: S. 115, „Die schwachen Präteritalformen wurden vermutlich von einem Intensivum germ. *brangjan > mhd. brengen 'bringen' auf das st. Verb übertragen.“

Wenn das schwach konjugierte bringen zu den Wörtern gehört, deren Präteritum - wie denken - bereits germanisch ohne Zwischenvokal gebildet wurde und dessen Präteritumsform auch im Gotischen bereits brāhta lautete, und unter Einschluss der de Boorschen Aussage spricht nicht viel dagegen, ein schwach konjugiertes bringen als ‚rückumlautendes‘ Verb zu bezeichnen.
Das schwach konjugierte, primär mitteldeutsch nachzuweisende brengen mit der germ. Wurzel *brangjan und dem Präteritum brâhte wird in der Literatur auch als ‚rückumlautend‘ aufgefasst.

beginnen
Das Wort beginnen tritt heute nur noch stark auf. Im Mittelhochdeutschen flektiert das Verb „beginnen“ jedoch sowohl stark als auch schwach. Die Etymologie des Wortes, got. du-ginnan, ist ungesichert (Feist und weitere Quellen*).
Die schwachen Formen im Präteritum könnten unter dem Einfluss der Präterito-Präsentia kunnen und gunnenkunde, konde bzw. gunde, gonde – und in Analogie dazu gebildet sein. Dafür spricht, dass „beginnen“ häufig - laut mhdwb-online - mit einfachem Infinitiv, also wie ein Modalverb gebraucht wird.
Flexionsmorphologie,
V 171 - S. 880: „Das Fehlen des Sg. Imp. bei beginnen ist möglicherweise im modalen Charakter des Verbs begründet.“

Auf dieser Website werden die Präsensformen in der Regel dem starken Verb „beginnen“ zugeordnet, genauso wie die Präteritumsform „began“. „Begunde“ und „begunden“ sowie „begunst“ und „begonst“ gelten als Formen eines schwachen Verbs „beginnen“.

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* Quellen:

DE BOOR, Helmut, Roswitha WISNIEWSKI, 1978. Mittelhochdeutsche Grammatik. 8. Auflage, Berlin, New York

BRAUNE, Wilhelm, 1891. Althochdeutsche Grammatik. 2. Auflage, Halle

DWDS: „bringen“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/bringen>, abgerufen am 15.11.2023.

DWDS: „beginnen“, in: Wolfgang Pfeifer et al., Etymologisches Wörterbuch des Deutschen (1993), digitalisierte und von Wolfgang Pfeifer überarbeitete Version im Digitalen Wörterbuch der deutschen Sprache, <https://www.dwds.de/wb/etymwb/beginnen>, abgerufen am 16.11.2023.

GRAMMATISCHES INFORMATIONSSYSTEM GRAMMIS. Mannheim: Leibniz-Institut für Deutsche Sprache [online].  Verfügbar unter: DOI: 10.14618/grammis. Verbale Stammformen (ids-mannheim.de), abgerufen am 15. 11. 2023

FEIST, Sigmund, 1939. Vergleichendes Wörterbuch der Gotischen Sprache. 3. neubearbeitete und vermehrte Auflage, Leiden

GRIMM, Jacob und Wilhelm GRIMM, 1862. Deutsches Wörterbuch. 1. Auflage. Leipzig. Digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23. Verfügbar unter: https://www.woerterbuchnetz.de/DWB, abgerufen am 10. 11. 2023

GRIMM, Jakob, Wilhelm GRIMM, Deutsches Wörterbuch, Neubearbeitung (A–F), digitalisierte Fassung im Wörterbuchnetz des Trier Center for Digital Humanities, Version 01/23,  Verfügbar unter: https://www.woerterbuchnetz.de/DWB2, abgerufen am 10. 11. 2023

HELBIG, Gerhard, Joachim BUSCHA, 2017. Deutsche Grammatik. Ein Handbuch für den Ausländerunterricht. Stuttgart

KLEIN, Thomas, Hans-Joachim SOLMS, Klaus-Peter WEGERA, 2018. Mittelhochdeutsche Grammatik Teil II Flexionsmorphologie. Berlin, Boston

KLUGE, Friedrich, 1975. Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 21. Auflage, Berlin, New York

MAŃCZAK, Witold, 1984. Das germanische Dentalpräteritum. Zeitschrift für vergleichende Sprachforschung. 1984, 97. Jg., Nr. 1. H, S. 99-112.

MAURER, Friedrich, 1934. Fränkische Forschungen. Erlangen

MWB Online. Artikel ‚beginnen‘. In: MWB Online. URL: http://www.mhdwb-online.de/wb/12828000, abgerufen am 16.11.2023

PAUL, Hermann, 2007. Mittelhochdeutsche Grammatik. 25. Auflage Tübingen

WEGERA, Klaus-Peter, et al., 2019. Mittelhochdeutsch als fremde Sprache. Berlin

WEINHOLD, Karl, 1883. Mittelhochdeutsche Grammatik. 2. Auflage, Paderborn

WÖLLSTEIN, Angelika, Hrsg. et al., 2016. Duden: die Grammatik: Unentbehrlich für richtiges Deutsch. 9. Auflage, Berlin


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