Grundwissen Grammatik

 

Mittelhochdeutsch zum Nachschlagen und Lernen

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Mit­tel­hoch­deutsch: Ein­zel­ne Laut­phä­no­me­ne

Lauterscheinungen

  1. Bereich Vokale
    1. Apokope, Synkope
    2. Umlaut, Hebung, Senkung
  2. Bereicht Konsonanten
    1. Primärberührungseffekt
    2. Nasalschwund mit Ersatzdehnung

1. Bereich Vokale

1.1 Apokope und Synkope

• Apokope:
Vokalschwund im Auslaut infolge der Nebensilbenabschwächung: ich vare → ich var;  ich lebe → ich leb, häufig bei einzelnen Konjugationsformen

• Synkope:
Vokalschwund in Nebensilben zwischen Konsonanten, insbesondere nach Liquiden l, r, wenn vorangehender Vokal kurz ist: varen → varn; helen → heln; er sihet → er siht, häufig bei einzelnen Konjugationsformen

1.2 Umlaut, Hebung, Senkung

• Kombinatorischer, also durch Folgelaute bedingter Lautwandel* im Mittelhochdeutschen:

› Umlaut als i-Umlaut:
Während die Umlautung von a → e als Primärumlaut bezeichnet wird, gelten die Umlautungen nach ä, ö, ü, æ, ê, œ, öu, üe als Sekundärumlaute bzw. Restumlaute – weil sie erst später eingetreten sind bzw. sie erst spät in Handschriften systematisch bezeichnet wurden, vgl. Paul § L 16:

Betrifft:


Ursache: vormittelhochdeutsch i, j in der Folgesilbe

Folgen:
◊ Starke Verben:
♦ Präsens – AR VI und VII (7a, 7b, 7d, 7e, 7f): 2. und 3. Person - graben - du grebst, halten - er helt, stôzen - er stœzt … ruofen - er rüefet
♦ Präteritum – AR IIa, IIb, IIIa, IIIb, IV, V, VI: 2. Person Singular und sämtliche Konjunktiv-II  -Formen - biegen - er büge, bieten - er büte, singen - er sünge, helfen - er hülfe, nemen - er næme, geben - er gæbe, graben - er grüebe
◊ Schwache Verben:
♦ Präsens: ‚rückumlautende‘ Verben - nennen
♦ Präteritum: Konjunktiv-II der ‚rückumlautenden‘ Verben, primär im Mitteldeutschen - er nente
♦ Möglich auch bei Partizip-II-Formen   der ‚rückumlautenden‘ Verben, primär beim Gebrauch als Verbform, zum Beispiel im Perfekt, ich hân genennet, weniger bei adjektivischer Verwendung, dort häufiger genant.

› Hebung **

a) ‚e/i‘-Wechsel

Betrifft: e → i

Ursache: voralthochdeutsch i, j, u in der Folgesilbe oder folgender Nasal   +Konsonant, vgl. Paul § L 7

Folgen:
◊ Starke Verben im Präsens:
♦ AR IIIb, IV, V: 1., 2. und 3. Person - ich hilfe, ich spriche, ich gibe
♦ AR IIIa: Durchgehend i im Indikativ - ich binde, wir binden, ihr bindet …

b) ‚ie/iu‘-Wechsel

Betrifft: ie → iu, eigentlich aber germ. /eu/ zu ahd. /iu/ → mhd. iu /ü:/, vgl. Paul § L 10

Ursache: voralthochdeutsch i, j, u, w in der Folgesilbe

Folgen:
◊ Starke Verben im Präsens:
♦ AR IIa und IIb, im Singular - ich biuge, ich biute
♦ AR IIa - durchgehendes iu im Präsens bei Verben mit w: bliuwen, kiuwen, riuwen usw.

› Senkung ** (Brechung), alternativer Begriff a-, (e-, o-) Umlaut, vgl. Paul § L 9‘

Betrifft: u → o (1) und germanisch /eu/ zu ahd. eo, io, ie → mhd. ie (2)

Ursache: Grundsätzliche Senkung von germanisch u → o, wenn germanisch a, e ,o in der Folgesilbe und kein Nasal [m, n] dazwischen steht.

Folgen:
◊ Partizip II der starken Verben:
♦ AR IIa, IIb, IIIb, IV – das Partizip Präteritum   endet ahd. auf „-an“! - gebogen, geboten, geholfen, gesprochen (1) Deshalb wird das „u“ der Schwundstufe nach „o“ gesenkt.
♦ [AR IIIa: Der Nasal + Konsonant vor „-an“ verhindert Senkung ⇒ „gesungen“, „gebunden“.]
♦ [Gegenerscheinung: Die Pluralendung der Verben in der 1. Person Präteritum lautet ahd. „-un“, deshalb bleibt „u“ der Schwundstufe in den AR IIa, IIb, IIIa, IIIb erhalten - wir bugen, wir buten, wir bunden, wir hulfen]
◊ Starke Verben im Plural Präsens:
♦ AR IIa und IIb - wir biegen, wir bieten (2)
◊ Präsens → Präteritum bei würken / vürhten
♦ Das ü (u) wird bei würken im Präteritum zu o gesenkt: worhten
♦ Das ü (u) wird bei vürhten im Präteritum zu o gesenkt: vorhten

Genaueres, siehe JOCHEN CONZELMANN, „Erläuterungen zur mittelhochdeutschen Grammatik“ bei Albert-Ludwigs-Universität Freiburg i. Br. Deutsches Seminar, Germanistische Mediävistik, abgerufen am 30. 10. 2023

Siehe auch „Die Entwicklung der Vokale“ vom Germanischen bis zum Neuhochdeutschen


2. Bereich Konsonanten

2.1 Primärberührungseffekt

Der Primärberührungseffekt mit ‚t‘, betrifft das Präteritum mancher schwacher Verben - und tritt auch bei Präterito-Präsentien   im Präteritum auf, vgl. Paul § L 66:

„Vom Primärberührungseffekt betroffen waren nur Konsonanten, die bereits idg. und nicht erst als Folge späterer Entwicklung vor /t/ standen.“ Paul, § L 66.
Gegenbeispiel: Zu neigen lautet das Präteritum neicte, nicht *neihte, weil früher vor dem t noch ein Vokal stand.

2.2 Nasalschwund mit Ersatzdehnung, vgl. Paul § L 11

› Schwache Verben
Schon im Germanischen – einige schwache Verben mit nasaler Stammsilbe ng oder nk haben im Präteritum eine gedehnte Form ohne Nasal, weil das g bzw. k auf Grund des Primärberührungseffekts zu h */χ/ geworden und der Nasal vor h */χ/ geschwunden ist, dafür wurde der Vokal gedehnt: bringen → brâhte; denken → dâhte; dünken → dûhte, vgl. Paul, § L 11. [Hinzu kommt bei diesen Verben auch noch „Rückumlaut“ beim Präteritumsvokal].
Dieser Nasalschwund mit Ersatzdehnung setzt voraus, dass das Präteritum ohne Bindevokal gebildet wurde.
[Gegenbeispiel: hengen - hancte und hengete - zwischen die Präteritalendung -te und den Stamm hang-, ahd. hangjan, deshalb „Rückumlaut“, war ein Bindevokal eingeschoben, deshalb gibt es kein *hâhte.]
› Starke Verben
Schon im Germanischen – Nasalschwund mit Ersatzdehnung bei starken Verben: anh  → âh: *hanhen → hâhen; *vanhen → vâhen. [Diese Verben gehören deshalb auch nicht zur Ablautreihe VIIa(7b), sondern als Ausnahmen zur Ablautreihe VIIa(7a), die als Infinitivvokal an sich nur ein einfaches a hat. Das haben diese beiden Verben aber auch, wenn man sich das Partizip II ansieht: gehangen, gevangen.]
Im Präteritum treten dann durch grammatischen Wechsel bzw. Auslautverhärtung die Formen hienc, hiengen, gehangen; vienc, viengen, gevangen auf.

Manche dieser Phänomene treten auch in Kombination auf, teilweise mit weiteren Lautveränderungen:

Beispiele:
Für das mhd. Wort bringen - wenn es schwach konjugiert wird - gilt: Das h entsteht wegen des Veränderung des g vor t, also wegen des Primärberührungseffektes, das n fällt wegen des Nasalschwundes weg: brâhte
Für mhd. denken gilt: Vormittelhochdeutsch: dankjan [< urgerm. *þank(i)jan ]- das j in der Endung bewirkt Umlaut im Präsens: denkjan.
Für das mhd. Präteritum von denken gilt:
a) sogenannter Rückumlaut: a,

b) h statt k wegen Primärberührungseffekt: *dankte → *danhte,
c) Nasalschwund mit Ersatzdehnung â: d
âhte

Siehe auch „Konsonanten der Ablautreihen

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*)Auf den ersten Blick existiert ein Begriffsdurcheinander: Zunächst ist „Umlaut“ eine Buchstabenbezeichnung, dann eine Lautbezeichnung und schließlich das Ergebnis eines Lautwandels.
Der Wandel von e nach i wird bei wikipedia unter „germanischer i-Umlaut“ verhandelt und gleichzeitig als Hebung bezeichnet, die Senkung bzw. Brechung gilt auch als a-, (e-, o-)Umlaut. Brechung bedeutet aber auch Diphthongierung oder gar Hebung, vgl. „Brechung“ bei Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg, Bereich Germanistik, abgerufen am 30. 10. 2023. „Hebung“ wiederum bedeutet laut wikipedia eine Lautentwicklung wie /a/ → /e/, /e/ → /i/ oder /o/ → /u/, die also auch den i-Umlaut bewirkt.

**)Die Begriffe „Hebung“ und „Senkung“ erklären sich durch einen Blick auf das Vokaldreieck: Vokaldreieck
i liegt im Dreieck oben, deshalb kann man sagen, dass e zu i gehoben wird.
o liegt im Dreieck unter u, deshalb kann man sagen, dass u zu o gesenkt wird.
Der Begriff „Brechung“ gilt als veraltet.
Mehr zu „Vokaldreieck“ und „Vokaltrapez“ bei wikipedia


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