Grundwissen Grammatik
Natürlich ist es geboten, die Verteilung von Verben auf Ablautreihen anhand der Vokale vorzunehmen, siehe Vokaltabelle.
Wie man aber an der Binnendifferenzierung, beispielsweise zwischen AR IIa und IIb oder IIIa und IIIb sieht, spielen auch die auftretenden Konsonanten eine wichtige Rolle, sodass man auch einmal die Konsonanten in den Blick nehmen sollte.
AV = Auslautverhärtung; gr. W. = grammatischer Wechsel
| Konsonant(en) | AR | AR | AR | AR | AR | AR | AR | AR |
| b | Ia | IIa | V | VI gel. wg. gr. W | ||||
| c | Ia | IIa oft wg. AV | V oft wg. AV | VI | VIIa(7b) oft wg. AV | |||
| ch | Ia | Ib | IIa | IIb | IV | V | VI | |
| ck | IV | VI | ||||||
| d | Ia | IIb | V | VI | VIIa(7c) | VIIb(7d) | ||
| f | Ia | IIa | IV | VI | VIIa(7b) | VIIa(7c) | VIIb(7e) | VIIb(7f) |
| g | Ia | Ib auch wg. gr. W | IIa | IIb auch wg. gr. W | V | VI auch wg. gr. W | VIIa(7b) | |
| h | Ib | IIb | IV | V | VI | VIIa(7a) | ||
| l | Ia | IIIb | IV | VI | VIIa(7a) | |||
| m | Ia | IIIa | IV | VI | ||||
| n | Ia | IIIa | VI | VIIa(7a) | ||||
| p | Ia | IIa oft wg. AV | V oft wg. AV | VI oft wg. AV | ||||
| r | IIb wg. gr. W | IIIb | IV | V wg. gr. W | VI | VIIa(7a) | ||
| s | Ia | IIb | V | VIIa(7b) | VIIa(7c) | |||
| t | Ia oft wg. AV od. gr. W | IIb oft wg. AV od. gr. W | V | VI | VIIa(7b) | VIIa(7c) oft wg. AV od. gr. W | VIIb(7d) | |
| v | Ia | VI | ||||||
| w | Ib | IIa | VIIb(7e) | |||||
| z | Ia | IIb | V | VIIa(7b) | VIIa(7c) | VIIb(7d) | ||
| lb | IIIb | |||||||
| lc | IIIb auch wg. AV | VIIa(7a) auch wg. AV | ||||||
| lch | IIIb | |||||||
| ld | IIIb | VIIa(7a) | ||||||
| lf | IIIb | |||||||
| lg | IIIb | VIIa(7a) | ||||||
| lh | IIIb | |||||||
| lk | IIIb | VIIa(7a) | ||||||
| ll | IIIb | VI | VIIa(7a) | |||||
| lp | IIIb stets wg. AV | |||||||
| lpf | IIIb | |||||||
| ls | VIIa(7a) | |||||||
| lt | IIIb auch. wg. AV | VIIa(7a) auch. wg. AV | ||||||
| lz | IIIb | VIIa(7a) | ||||||
| rr | IIIb | |||||||
| rb | IIIb | |||||||
| rc | IIIb auch. wg. AV | |||||||
| rd | IIIb | |||||||
| rf | IIIb | |||||||
| rg | IIIb | |||||||
| rh | IIIb | |||||||
| rk | IIIb | |||||||
| rp | IIIb stets. wg. AV | |||||||
| rt | IIIb auch. wg. AV | |||||||
| rz | IIIb | |||||||
| mb | IIIa | |||||||
| mm | IIIa | |||||||
| mp | IIIa auch wg. AV | |||||||
| mpf | IIIa | |||||||
| nc | IIIa oft wg. AV | VIIa(7a) oft wg. AV | ||||||
| nd | IIIa | VIIa(7a) | ||||||
| ng | IIIa | VIIa(7a) | ||||||
| nk | IIIa | |||||||
| nn | IIIa | VIIa(7a) | ||||||
| npf | IIIa | |||||||
| ns | IIIa | |||||||
| nt | IIIa auch. wg. AV | VIIa(7a) auch. wg. AV | ||||||
| nz | IIIa | |||||||
| pf | IV | VI | ||||||
| sch | Ia | IV | VI | VIIa(7c) | ||||
| st | Ia | IV | ||||||
| sp | V | |||||||
| tz | V | |||||||
| tt | IV | V | ||||||
| zz | V |
Ablautreihen und Konsonanten
Legende: In den schwarzen Kästchen stehen die Ablautreihen. Die Größe des Kästchens hat keinen Aussagewert, genauso wenig wie die Größe der Farbbereiche.
Die Farbbereiche, die ein Kästchen abdeckt, kennzeichnen die Konsonanten, die signifikant sind für die Ablautreihe.
Kästchen, die in den weißen Bereich hineinragen, haben neben der eingefärbten Konsonantengruppe bzw. neben dem durch Farbe gekennzeichneten Konsonanten auch Konsonanten aus dem „weißen“ Bereich der restlichen Obstruenten [b, c, ch, g, p, k, v]. Analoges gilt für den grauen Bereich, der die Obstruentenverbindungen
[ch, ck, ff, hs, ht, pf, sch, st, tt - nicht zz] kennzeichnet.
Beispiele:
Im Folgenden ist ausschließlich von inlautenden Konsonanten die Rede, nicht von Konsonanten am Wortanfang.
Auffälligkeiten bei der Konsonatenbetrachtung:
★ Warnung: Der Konsonant r stellt tendenziell das gesamte folgende System in Frage, weil er in Folge des grammatischen Wechsels , s → r, im Präteritum der AR IIb (kiesen: kôs, kurn, gekorn) und in AR V (wesen: wâren), die ja eigentlich beide ohne Liquid [oder Nasal] auftreten sollen, erscheint.
Abgesehen davon ist r primär aber in den AR IIIb, IV und VI als [Stamm]-Konsonant enthalten, in VIIa(7a) nur beim Ausnahmewort ern bzw. eren.
r kommt nicht vor im Präsens von AR Ia, Ib, IIa, IIb, IIIa, V, VIIa(7b), VIIa(7c), VIIb
Für die Gestalt der Verben spielen folgende Konsonanten und Konsonantengruppen eine besondere Rolle:
| H | Wenn H dem germanischen Laut ai folgt, wird aus ai ein ē – sonst ein ei. Betrifft Ablautklasse I. Wenn H dem germanischen Laut au folgt, wird daraus ein ō – sonst ein ou. Betrifft Ablautklasse II. |
| F | F ist der einzige Konsonant in AR VIIb(7f) und einer von zwei möglichen Konsonanten in AR VIIb(7e). F hat zwei Wurzeln Wurzel 1: Das primäre, germanische f. Es handelt sich um ein altes germanisches f, das im Mittelhochdeutschen häufig im Anlaut steht und dort meist als v geschrieben wird, z. B. varen, vinden, vliegen. Im Inlaut unterliegt f bzw. v dem grammatischen Wechsel mit b, z. B. entseven : entsuoben. Wurzel 2: Das sekundäre, hochdeutsche f aus der 2. Lautverschiebung. Dieses f geht auf germanisches p zurück, welches durch die 2. Lautverschiebung zu ff bzw. f verschoben wurde. Es tritt häufig im Inlaut in den Ablautreihen Ia, IIa, IIIb, IV, VI, VIIa(7b), VIIa(7c), VIIb(7e) und VIIb(7f) auf außer in AR Ib, IIb, IIIa, V, VIIa(7a) und VIIb(7d) . Als einfaches f erscheint es in Ablautreihe IIIb als Teil einer Liquidverbindung; in den Ablautreihen IV und VI zeigt es sich hingegen als Obstruentenverbindung - Geminate - ff, da der vorangehende Vokal kurz ist. |
| W | Wenn W dem germanischen Laut ai folgt, wird aus ai ein ē - AR Ib. Aus eu wird wegen W ein iu bei manchen Verben der AR IIa auch im Plural Präsens. W ist einer von zwei möglichen Konsonanten in AR VIIb(7e). |
| Dentale [d, t, s, z] |
Wenn Dentale dem germanischen Laut au folgen, wird aus au ein ō – sonst ou – Ablautklasse II und AR VIIb(7d) ↔ VIIb(7e), mhd. stôzen ↔ loufen |
| Nasale [m, n] Liquide [l, r] |
Nasale [m, n] und Liquide [l, r] – Teilmenge der Sonoranten - bewirken Sprossvokal u in der Schwundstufe der Klassen III und IV. |
| Nasalverbindungen | [m+Konsonant, n+Konsonant] hindern die Senkung von u nach o in den Schwundstufen [Plural Präteritum und Partizip II] in IIIa. Sie bewirken Hebung des e → i auch im Plural Präsens von IIIa. |
| Restobstruenten
*: b, c, g, k, p, q, v, [x] |
Die restlichen Obstruenten - außer H, F und Dentalen - treten in unterschiedlichem Umfang nach dem Vokal in den AR Ia, IIa, V, VI, VIIa(7b) auf. |
| Obstruentenverbindungen [außer zz, ss, sp]: ch (← ahd. hh), ck, ff, hs, ht, pf, sch (← ahd. sk), st, tt | [ch], ck, ff, hs, ht, pf, sch, st, tt treten nach dem Vokal fast ausschließlich bei den AR IV und VI, aber auch in AR Ia auf. |
| Sonderstatus CH | 1. Wortformen mit ch im Singular Präteritum machen Schwierigkeiten: a) es kann sich dabei um Schreibweisen des Lautes h im Auslaut handeln - aus germanischem h. AR V: „sehen“ → „sach“ b) es kann ein „ursprüngliches“ ch vorliegen - aus althochdeutschem hh aus verschobenem germanischen k - also eine Obstruentenverbindung, die schon im Präsens vorhanden ist: AR IV: „stechen“ → „stach“. 2. Wirklich problematisch zu unterscheiden sind vor allem die Partizip-II-Formen der AR IIa und IV mit ch, da in beiden Formreihen ein -och- auftreten kann: „gekrochen“ und „gebrochen“. Hier wird es schwierig, die richtige Infinitivform zu ermitteln. „gestrichen“ hingegen ist auf Grund seines Vokals leicht der AR Ia zuzuordnen. |
*Restobstruenten = Alle Konsonanten minus (Dentale + Nasale + Liquide + h + f + w + j + y)
Genaueres zur Sonderrolle von f, h, w, ch usw am Ende dieser Seite unter 4.
Der Zusammenhang zwischen Vokalen und Konsonanten für Fortgeschrittene ...
Siehe auch „Konsonanten in Ablautreihen“
Vernachlässigt werden hier die – teilweise nur im Mitteldeutschen auftretenden – Ausnahmen, wie zum Beispiel î oder û im Präsens der AR IIa, î im Präteritum der AR VIIIa und VIIb usw.
Zunächst sollte man bei der Verbformanalyse stets unterscheiden, ob die Verbform 1) im Präsens, 2) im Präteritum oder 3) als Partizip II vorkommt.
1) Präsens
Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:Niemals im Präsens kommen o und u vor - Ausnahme komen, kume.
Uneindeutig sind im Präsens die Vokale
a [AR VI und AR VIIa(7a) - Singular und Plural / Infinitiv],
e [AR IIIb, IV, V - Plural / Infinitiv; VI, VIIa(7a) {kursiv für Umlaut bzw. j-Präsentia}] und
i [AR IIIa, IIIb, IV, V - Singular - und auch Infinitiv bei j-Präsentia der AR V].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:
Präsens: In AR VI werden die 2. und 3. Person Singular umgelautet, außerdem gibt es ehemalige j-Präsentia, die stets e als Stammvokal haben. In AR VIIa kann es zum Umlaut - e - in der Subklasse 7a bei der 2. und 3. Person Singular kommen.
Ausnahmen bei AR IV
2) Präteritum
Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:Niemals im Präteritum kommen e und o vor.
Uneindeutig sind im Präteritum die Vokale
a [AR IIIa, IIIb, IV, V - Indikativ Singuar, 1. u. 3. Person],
â / æ [AR IV, V - Plural und Konjunktiv{æ} und 2. Person Singular Indikativ] und
u / ü [AR IIa, IIb, IIIa und IIIb - Plural und Konjunktiv{ü} und 2. Person Singular Indikativ].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:
IIIa ist nicht die vollständige Negation von Liquid+Konsonant, sondern dem Vokal folgt ein Nasal+Konsonant.
3) Partizip II
Das Partizip II erkennt man in der Regel am vorangestellten „ge“. Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:
Alle Vokale sind beim Partizip II möglich.
Uneindeutig sind beim Partizip II die Vokale
a [AR VI und VIIa(7a)] und
o [AR IIa, IIb, IIIb und IV].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:
Definition
f ist ein labiodentaler Frikativ und gehört phonologisch zur Klasse der Obstruenten.
Auftreten
In den starken Verben des Mittelhochdeutschen geht f im Regelfall auf das durch die zweite Lautverschiebung aus p entstandene f zurück.
Ein germanisches f, das als v realisiert wird und dem Vernerschen Gesetz unterliegt (→ b), ist hier von untergeordneter Bedeutung, weil es de facto recht selten - in Ablautreihe VI - auftritt.
f fungiert als
Definition
h ist ein glottaler Frikativ und wird in der Regel den Obstruenten zugeordnet.
Auftreten
Für die Ablautklassifikation ist zwischen zwei historischen Ausprägungen zu unterscheiden:
4.2.1 Primäres germanisches h
Dieses h ist aus germ. k hervorgegangen und erscheint im Mittelhochdeutschen häufig im Anlaut (haben, halten).
Im Inlaut unterliegt es dem grammatischen Wechsel mit g, vgl.:
dîhen – digen
ziehen – zogen
gewahen – gewuogen
vâhen – gevangen
4.2.2 Sekundäres h (nivelliert)
In der Ablautreihe V ist der grammatische Wechsel bei h im Mittelhochdeutschen häufig aufgehoben (sehen – sâhen).
Unabhängig von dieser Differenzierung ist h
Konsequenz
Eine Beschreibung der Reihen Ib und IIb über die abstrakte Konsonantenklasse „Obstruent“ verfehlt die konkrete Verteilung von h.
h wird daher als eigenständiger reihenkennzeichnender Konsonant geführt.
Definition
w ist ein labiovelarer Approximant und gehört phonologisch zur Klasse der Sonoranten.
Auftreten
w tritt systematisch und nicht zufällig in
auf und trägt dort zur Abgrenzung gegenüber formal ähnlichen Reihen bei.
Außerdem erscheint inlautendes w häufig in Ablautreihe IIa und bewirkt dort im Präsens durchgehendes iu oder û.
Gleichzeitig neigt w dazu, im Singular Präteritum, mit dem vorangehenden Vokal zu verschmelzen bzw. zu schwinden.
Konsequenz
Die bloße Angabe „Sonorant“ ist für diese Reihen nicht hinreichend differenzierend.
w wird daher aus der allgemeinen Sonorantenklasse herausgelöst und als spezifischer reihenkennzeichnender Konsonant behandelt.
Definition
Die Graphie ch repräsentiert im Mittelhochdeutschen unterschiedliche lautgeschichtliche Ursprünge und ist daher nicht eindeutig interpretierbar.
Auftreten
Es sind mindestens zwei Typen zu unterscheiden:
a) Reflex von germanischem h
b) Reflex von ahd. hh (< germ. k)
Definition
Bei ff und tt handelt es sich um geminierte Obstruenten, die als Konsonantenverbindungen analysiert werden.
Auftreten