Grundwissen Grammatik

 

Mittelhochdeutsch zum Nachschlagen und Lernen

Schlagwörter, bitte Anfangsbuchstaben eingeben!
Mit­tel­hoch­deutsch: Kon­so­nan­ten in Ver­ben

Konsonantenverteilung bei starken Verben

Natürlich ist es geboten, die Verteilung von Verben auf Ablautreihen anhand der Vokale vorzunehmen, siehe Vokaltabelle.
Wie man aber an der Binnendifferenzierung, beispielsweise zwischen AR IIa und IIb oder IIIa und IIIb sieht, spielen auch die auftretenden Konsonanten eine wichtige Rolle, sodass man auch einmal die Kon­so­nan­ten in den Blick nehmen sollte.

  1. Überblick über Konsonanten in Ablautreihen
  2. Spezielle Konsonanten und Konsonantengruppen in den Ablautreihen
  3. Die Bedeutung der Nasale und Liquide in den Ablautreihen
  4. Begründung der Hervorhebung der Konsonanten f, h, w und der Graphie ch
Konsonanten und Ablautreihen

AV = Auslautverhärtung; gr. W. = grammatischer Wechsel

Kon­so­nant(en)ARARARARARARARAR
 bIaIIaVVI gel. wg. gr. W
 cIaIIa oft wg. AVV oft wg. AVVIVIIa​(7b) oft wg. AV
 chIaIbIIaIIbIVVVI
 ckIVVI
 dIaIIbVVIVIIa​(7c)VIIb​(7d)
 fIaIIaIVVIVIIa​(7b)VIIa​(7c)VIIb​(7e)VIIb​(7f)
 gIaIb auch wg. gr. WIIaIIb auch wg. gr. WVVI auch wg. gr. WVIIa​(7b)
 hIbIIbIVVVIVIIa​(7a)
 lIaIIIbIVVIVIIa​(7a)
 mIaIIIaIVVI
 nIaIIIaVIVIIa​(7a)
 pIaIIa oft wg. AVV oft wg. AVVI oft wg. AV
 rIIb wg. gr. WIIIbIVV wg. gr. WVIVIIa​(7a)
 sIaIIbVVIIa​(7b)VIIa​(7c)
 tIa oft wg. AV od. gr. WIIb oft wg. AV od. gr. WVVIVIIa​(7b)VIIa​(7c) oft wg. AV od. gr. WVIIb​(7d)
 vIaVI
 wIbIIaVIIb​(7e)
 zIaIIbVVIIa​(7b)VIIa​(7c)VIIb​(7d)
 lbIIIb
 lcIIIb auch wg. AVVIIa​(7a) auch wg. AV
 lchIIIb
 ldIIIbVIIa​(7a)
 lfIIIb
 lgIIIbVIIa​(7a)
 lhIIIb
 lkIIIbVIIa​(7a)
 llIIIbVIVIIa​(7a)
 lpIIIb stets wg. AV
 lpfIIIb
 lsVIIa​(7a)
 ltIIIb auch. wg. AVVIIa​(7a) auch. wg. AV
 lzIIIbVIIa​(7a)
 rrIIIb
 rbIIIb
 rcIIIb auch. wg. AV
 rdIIIb
 rfIIIb
 rgIIIb
 rhIIIb
 rkIIIb
 rpIIIb stets. wg. AV
 rtIIIb auch. wg. AV
 rzIIIb
 mbIIIa
 mmIIIa
 mpIIIa auch wg. AV
 mpfIIIa
 ncIIIa oft wg. AVVIIa​(7a) oft wg. AV
 ndIIIaVIIa​(7a)
 ngIIIaVIIa​(7a)
 nkIIIa
 nnIIIaVIIa​(7a)
 npfIIIa
 nsIIIa
 ntIIIa auch. wg. AVVIIa​(7a) auch. wg. AV
 nzIIIa
 pfIVVI
 schIaIVVIVIIa​(7c)
 stIaIV
 spV
 tzV
 ttIVV
 zzV

1. Überblick über Konsonanten in Ablautreihen

Ablautreihen und Konsonanten

Legende: In den schwarzen Kästchen stehen die Ablautreihen. Die Größe des Kästchens hat keinen Aussagewert, genauso wenig wie die Größe der Farbbereiche.
Die Farbbereiche, die ein Kästchen abdeckt, kennzeichnen die Konsonanten, die signifikant sind für die Ablautreihe.

Kästchen, die in den weißen Bereich hineinragen, haben neben der eingefärbten Konsonantengruppe bzw. neben dem durch Farbe gekennzeichneten Konsonanten auch Konsonanten aus dem „weißen“ Bereich der restlichen Obstruenten [b, c, ch, g, p, k, v]. Analoges gilt für den grauen Bereich, der die Obstruentenverbindungen    [ch, ck, ff, hs, ht, pf, sch, st, tt - nicht zz] kennzeichnet.
Beispiele:

Im Folgenden ist ausschließlich von inlautenden Konsonanten die Rede, nicht von Konsonanten am Wortanfang.

Auffälligkeiten bei der Konsonatenbetrachtung:

Warnung: Der Konsonant r stellt tendenziell das gesamte folgende System in Frage, weil er in Folge des grammatischen Wechsels  , s → r, im Präteritum der AR IIb (kiesen: kôs, kurn, gekorn) und in AR V (wesen: wâren), die ja eigentlich beide ohne Liquid [oder Nasal] auftreten sollen, erscheint.
Abgesehen davon ist r primär aber in den AR IIIb, IV und VI als [Stamm]-Konsonant enthalten, in VIIa(7a) nur beim Ausnahmewort ern bzw. eren.
r
kommt nicht vor im Präsens von AR Ia, Ib, IIa, IIb, IIIa, V, VIIa(7b), VIIa(7c), VIIb

2. Spezielle Konsonanten und Konsonantengruppen in den Ablautreihen

Für die Gestalt der Verben spielen folgende Konsonanten und Konsonantengruppen eine besondere Rolle:

H Wenn H dem germanischen Laut ai folgt, wird aus ai ein ē – sonst ein ei. Betrifft Ablautklasse I.
Wenn H dem germanischen Laut au folgt, wird daraus ein ō  – sonst ein ou. Betrifft Ablautklasse II.
F F ist der einzige Konsonant in AR VIIb(7f) und einer von zwei möglichen Konsonanten in AR VIIb(7e).
F hat zwei Wurzeln
Wurzel 1: Das primäre, germanische f.
Es handelt sich um ein altes germanisches f, das im Mittelhochdeutschen häufig im Anlaut steht und dort meist als v geschrieben wird, z. B. varen, vinden, vliegen. Im Inlaut unterliegt f bzw. v dem grammatischen Wechsel mit b, z. B. entseven : entsuoben.
Wurzel 2: Das sekundäre, hochdeutsche f aus der 2. Lautverschiebung.
Dieses f geht auf germanisches p zurück, welches durch die 2. Lautverschiebung zu ff bzw. f verschoben wurde. Es tritt häufig im Inlaut in den Ablautreihen Ia, IIa, IIIb, IV, VI, VIIa(7b), VIIa(7c), VIIb(7e) und VIIb(7f) auf außer in AR Ib, IIb, IIIa, V, VIIa(7a) und VIIb(7d) .
Als einfaches f erscheint es in Ablautreihe IIIb als Teil einer Liquidverbindung; in den Ablautreihen IV und VI zeigt es sich hingegen als Obstruentenverbindung - Geminate - ff, da der vorangehende Vokal kurz ist.
W Wenn W dem germanischen Laut ai folgt, wird aus ai ein ē - AR Ib. Aus eu wird wegen W ein iu bei manchen Verben der AR IIa auch im Plural Präsens.
W ist einer von zwei möglichen Konsonanten in AR VIIb(7e).
Dentale
[d, t, s, z]
Wenn Dentale dem germanischen Laut au folgen, wird aus au ein ō – sonst ou – Ablautklasse II und AR VIIb(7d)VIIb(7e), mhd. stôzen ↔ loufen
Nasale [m, n]
Liquide [l, r]
Nasale [m, n] und Liquide [l, r] – Teilmenge der Sonoranten -  bewirken Sprossvokal u in der Schwundstufe der Klassen III und IV.
Nasalverbindungen [m+Konsonant, n+Konsonant] hindern die Senkung von u nach o in den Schwundstufen [Plural Präteritum und Partizip II] in IIIa. Sie bewirken Hebung des e → i auch im Plural Präsens von IIIa.
Restobstruenten  *:
b, c, g, k,
p, q, v, [x]
Die restlichen Obstruenten - außer H, F und Dentalen - treten in unterschiedlichem Umfang nach dem Vokal in den AR Ia, IIa, V, VI, VIIa(7b) auf.
Obstruentenverbindungen [außer zz, ss, sp]: ch (← ahd. hh), ck, ff, hs, ht, pf, sch (← ahd. sk), st, tt [ch], ck, ff, hs, ht, pf, sch, st, tt treten nach dem Vokal fast ausschließlich bei den AR IV und VI, aber auch in AR Ia auf.
Sonderstatus CH 1. Wortformen mit ch im Singular Präteritum machen Schwierigkeiten:
a) es kann sich dabei um Schreibweisen des Lautes h im Auslaut handeln - aus germanischem h. AR V: „sehen“ → „sach
b) es kann ein „ursprüngliches“ ch vorliegen - aus althochdeutschem hh aus verschobenem germanischen k - also eine Obstruentenverbindung, die schon im Präsens vorhanden ist: AR IV: „stechen“ → „stach“.
2. Wirklich problematisch zu unterscheiden sind vor allem die Partizip-II-Formen der AR IIa und IV mit ch, da in beiden Formreihen ein -och- auftreten kann: „gekrochen“ und „gebrochen“. Hier wird es schwierig, die richtige Infinitivform zu ermitteln. „gestrichen“ hingegen ist auf Grund seines Vokals leicht der AR Ia zuzuordnen.

*Restobstruenten = Alle Konsonanten minus (Dentale +  Nasale +  Liquide + h + f + w + j + y)

Genaueres zur Sonderrolle von f, h, w, ch usw am Ende dieser Seite unter 4.

Der Zusammenhang zwischen Vokalen und Konsonanten für Fortgeschrittene ...

Siehe auch „Konsonanten in Ablautreihen

3. Die Bedeutung der Nasale und Liquide in den Ablautreihen

Vernachlässigt werden hier die – teilweise nur im Mitteldeutschen    auftretenden – Ausnahmen, wie zum Beispiel î oder û im Präsens der AR IIa, î im Präteritum der AR VIIIa und VIIb usw.

Zunächst sollte man bei der Verbformanalyse stets unterscheiden, ob die Verbform 1) im Präsens, 2) im Präteritum oder 3) als Partizip II vorkommt.


1) Präsens

Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:

  • î ohne h / w: AR Ia
  • î vor h / w: AR Ib
  • ie/iu ohne Dental oder h: AR IIa
  • ie/iu vor Dental oder h: AR IIb
  • â (æ) vor Dental oder f, g: VIIa(7b) Ausnahme: Starke Verben, die vom Nasalschwund mit Ersatzdehnung betroffen sind, z. B. vâhen - vienc - viengen - gefangen, sie gehören zur AR VIIa(7a)
  • ei vor Dental oder f, g: VIIa(7c)
  • ô (œ) vor t, z: VIIb(7d)
  • ou (öu) vor f, w: VIIb(7e)
  • uo (üe) vor f: VIIb(7f)

Niemals im Präsens kommen o und u vor - Ausnahme komen, kume.

Uneindeutig sind im Präsens die Vokale
a [AR VI und AR VIIa(7a) - Singular und Plural / Infinitiv],
e
[AR IIIb, IV, V - Plural / Infinitiv; VI, VIIa(7a) {kursiv für Umlaut bzw. j-Präsentia}] und
i
[AR IIIa, IIIb, IV, V - Singular - und auch Infinitiv bei j-Präsentia der AR V].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:

Ausnahmen bei AR VIIa

arn / ern / eren: Als Ausnahme in VIIa(7a) treten „arn“ und „ern“ / „eren“ auf: Hier folgt auf den Liquid r kein weiterer Konsonant, aber auf Grund des Vo­kal­be­stan­des zählen diese Verben zur Ab­laut­rei­he VIIa.

arn ar ier ieren gearn ackern, ziehen
ern / eren ere ier ieren garn, gearn ackern, pflügen [j-Präsentium]

entpfâhen / hâhen / vâhen: Das lange â entsteht „nur“ wegen dem „Nasalschwund mit Ersatzdehnung“ aus „-anh“, die Partizip-II-Formen haben dann jedoch wieder das „-ang“, sodass diese Verben zur Ablautreihe VIIa(7a) und nicht zu VIIa(7b) gehören.

entpfâhen entpfâhe entpfienc entpfiengen entpfangen empfangen, nehmen, trächtig werden
hâhen hâhe hienc hiengen gehangen hängen, hangen
vâhen vâhe vienc viengen gevangen fangen, fassen, festhalten, gefangen nehmen

 

Präsens: In AR VI werden die 2. und 3. Person Singular umgelautet, außerdem gibt es ehemalige j-Präsentia, die stets e als Stammvokal haben. In AR VIIa kann es zum Umlaut - e - in der Subklasse 7a bei der 2. und 3. Person Singular kommen.

Ausnahmen bei AR IV

Die folgenden Verben werden auf Grund ihres Vo­kal­be­stan­des zur Ab­laut­rei­he IV gerechnet, auch wenn von einem auftretenden Liquid oder Nasal in diesen Verben nicht die Rede sein kann - die Wortanfangskonsonanten werden hier nicht gewertet. :

deh­sen dih­se dahs dâh­sen gedoh­sen [Flachs] schwin­gen
le­schen li­sche lasch lâ­schen ge­lo­schen auf­hö­ren zu leuch­ten, lö­schen
ne­hen ni­hu nah nâ­hum nu­han er­laubt, nö­tig sein
re­chen ri­che rach râ­chen ge­ro­chen rä­chen, stra­fen
ste­chen sti­che stach stâ­chen ge­sto­chen ste­chen, ste­cken, tur­nie­ren
ur­re­chen ur­ri­che ur­rach urrâchen ur­ro­chen rä­chen, stra­fen
veh­ten vih­te vaht vuh­ten, vâh­ten ge­voh­ten fech­ten, kämp­fen
zwe­cken zwi­cke zwac zwâ­ken gezwa­cken an­hef­ten

Neuere Erkenntnisse (Braune, 17. Auflage) negieren den Einfluss von vor dem Vokal stehenden Lauten (l, r), vielmehr wird für die AR IV neben folgenden Nasale und Liquiden eine weitere Konsonantengruppe, nämlich /hh/ und /ff/, angenommen, die ursprünglich wohl zur AR V gehörte und sich nach dem Vorbild von brechen der AR IV angeschlossen hat: brechen, rechen, sprechen, trechen, stechen, swechen, treffen.
Daneben gibt es eine zweite Gruppe von Verben, die zur AR IV gezählt wird, die ursprünglich zur AR IIIb gehörte und folgende Merkmale aufweist: Sie endet auf eine Obstruentenverbindung, z. B. ht, hs, (sk→ ) sch), st, tt.
Beispiele: vehten, vlehten, dreschen, leschen, bresten, bretten.

 


IIIa
ist nicht die vollständige Negation von Liquid+Konsonant, sondern dem Vokal folgt ein Na­sal+Kon­so­nant.

Ausnahmen bei AR IIIb

melichen: Dieser Infinitiv stellt eine Variante zu „melchen“ oder „melken“ dar. Er wird deshalb und wegen des Vo­kal­be­stan­des auch zur Ab­laut­rei­he IIIb gerechnet, auch wenn man nicht davon sprechen kann, dass dem Liquid ein Konsonant folgt.

melichen meliche malc mul­ken gemol­ken mel­ken

schreffen / schreven: Dieses Verb wird allein wegen seines Vo­kal­be­stan­des zur Ab­laut­rei­he IIIb gerechnet, auch wenn dem Vokal kein Liquid + Konsonant folgt.

schref­fen schre­ven schrif­fe schraf schruf­fen ge­schrof­fen rei­ßen, rit­zen, krat­zen, schröp­fen

bretten: Dieses Verb wird wegen seines Vo­kal­be­stan­des [bei Lexer und BMZ] zur Ab­laut­rei­he IIIb gerechnet, auch wenn dem Vokal kein Liquid + Konsonant folgt. Auch im Althochdeutschen gehört es zur Ab­laut­rei­he IIIb. Ahd. -tt- < *-kt- wurde assimiliert und geht auf germ. *-ǥđ- zurück.
Im MBW und im Referenzkorpus Mittelhochdeutsch wird das Verb zur Ablautreihe IV gestellt. Als Obstruentenverbindung würde es dorthin passen.

AR IIIb bret­ten brit­te brat brut­ten gebrot­ten zie­hen, zü­cken, we­ben
AR IV bret­ten brit­te brat brâten gebrot­ten zie­hen, zü­cken, we­ben



2) Präteritum

Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:

  • ei ohne h / w: AR Ia [im Indikativ Singular, 1. u. 3. Person]
  • ê vor h / w: AR Ib [im Indikativ Singular, 1. u. 3. Person]
  • i ohne h / w: AR Ia [im Plural und im gesamten Konjunktiv und 2. Person Singular Indikativ]
  • i vor g < h / w: AR Ib [im Plural und im gesamten Konjunktiv und 2. Person Singular Indikativ]
  • ou ohne Dental oder h: AR IIa [im Indikativ Singular, 1. u. 3. Person]
  • ô vor Dental oder h: AR IIb [im Indikativ Singular, 1. u. 3. Person]
  • uo (üe): AR: VI;
  • ie vor [Liquid oder Nasal] + Konsonant: VIIa(7a)
  • ie vor Dental oder f, g: VIIa(7b)
  • ie vor Dental oder f: VIIa(7c)
  • ie vor t, z: VIIb(7d)
  • ie vor f, w: VIIb(7e)
  • ie vor f: VIIb(7f)

Niemals im Präteritum kommen e und o vor.

Uneindeutig sind im Präteritum die Vokale
a
[AR IIIa, IIIb, IV, V - Indikativ Singuar, 1. u. 3. Person],
â / æ
[AR IV, V - Plural und Konjunktiv{æ} und 2. Person Singular Indikativ] und
u / ü [AR IIa, IIb, IIIa und IIIb - Plural und Konjunktiv{ü} und 2. Person Singular Indikativ].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:

IIIa ist nicht die vollständige Negation von Liquid+Konsonant, sondern dem Vokal folgt ein Na­sal+Kon­so­nant.


Ausnahmen bei AR II

liehen: Das starke Verb „liehen“ wird wegen des Präteritums „louch“ zur Ab­laut­rei­he IIa gerechnet trotz des Konsonanten h, der eigentlich auf AR IIb hinweist.

lie­hen liu­he louch lu­hen gelo­hen leuch­ten

diuhen: Das starke Verb „diuhen“ wird wegen des Präteritums „douch“ [BMZ] zur Ab­laut­rei­he IIa gerechnet trotz des Konsonanten h, der eigentlich auf AR IIb hinweist.

diu­hen diu­he douch du­hen ge­do­hen an­grei­fen

rûchen: Die mitteldeutsche Variante des Verbs „riechen“ [IIa] wird wegen der Präteritalform „rôch“ zur Ab­laut­rei­he IIb gerechnet.

rû­chen rû­che rôch ru­chen ge­ro­chen rau­chen, damp­fen

schrûben: Als starkes Verb wird es zur Ab­laut­rei­he IIb gerechnet wegen der Präteritalform „schrôf“, auch wenn von einem Dental nicht die Rede sein kann.

schrû­ben schrû­be schrôf schro­wen ge­schro­wen schrau­ben


3) Partizip II

Das Partizip II erkennt man in der Regel am vorangestellten „ge“. Auf viele Konsonanten muss nicht besonders geachtet werden, weil die Zuordung von Vokalen zu Ablautreihen für folgende Vokale unproblematisch ist, da weitgehend eindeutig:

  • i ohne h / w: AR Ia
  • i vor h / w: AR Ib
  • u: AR IIIa
  • e: AR V
  • â vor Dental oder f, g: VIIa(7b)
  • ei vor Dental oder f: VIIa(7c)
  • ô vor t, z: VIIb(7d)
  • ou vor f, w: VIIb(7e)
  • uo vor f: VIIb(7f)

Alle Vokale sind beim Partizip II möglich.

Uneindeutig sind beim Partizip II die Vokale
a [AR VI und VIIa(7a)] und
o
[AR IIa, IIb, IIIb und IV].
Hier hilft die Konsonantenanalyse:

 



4. Begründung der Hervorhebung der Konsonanten f, h, w und der Graphie ch

Diese Konsonanten und Konsonantenverbindungen – insbesondere f, h, w und ch – übernehmen eine reihenstrukturierende Funktion, die sich nicht adäquat durch ihre Zugehörigkeit zu den allgemeinen Klassen der Obstruenten bzw. Sonoranten erfassen lässt.

4.1. f

Definition
f ist ein labiodentaler Frikativ und gehört phonologisch zur Klasse der Obstruenten.
Auftreten
In den starken Verben des Mittelhochdeutschen geht f im Regelfall auf das durch die zweite Lautverschiebung aus p entstandene f zurück.
Ein germanisches f, das als v realisiert wird und dem Vernerschen Gesetz unterliegt (→ b), ist hier von untergeordneter Bedeutung, weil es de facto recht selten - in Ablautreihe VI - auftritt.
f fungiert als

  • alleiniger konsonantischer Marker der Ablautreihe VIIb(7f),
  • sowie – gemeinsam mit w – als distinktiver Konsonant   der Ablautreihe VIIb(7e).
Konsequenz
Eine Beschreibung dieser Reihen als „enthält Obstruent(en)“ ist kategorial zu weit, da Obstruenten auch in anderen Ablautreihen auftreten, z. B. in AR Ib, IIb, V usw..
f wird daher nicht als bloßer Obstruent, sondern als reihenkennzeichnender   Konsonant behandelt.

4.2. h

Definition
h ist ein glottaler Frikativ und wird in der Regel den Obstruenten zugeordnet.
Auftreten
Für die Ablautklassifikation ist zwischen zwei historischen Ausprägungen zu unterscheiden:

4.2.1 Primäres germanisches h

Dieses h ist aus germ. k hervorgegangen und erscheint im Mittelhochdeutschen häufig im Anlaut (haben, halten).
Im Inlaut unterliegt es dem grammatischen Wechsel mit g, vgl.:
dîhen – digen
ziehen – zogen

gewahen – gewuogen
vâhen – gevangen

4.2.2 Sekundäres h (nivelliert)

In der Ablautreihe V ist der grammatische Wechsel bei h im Mittelhochdeutschen häufig aufgehoben (sehen – sâhen).

Unabhängig von dieser Differenzierung ist h

  • reihenkennzeichnend für Ablautreihe Ib neben w,
  • sowie neben Dentalen konstitutiv für Ablautreihe IIb.

Konsequenz
Eine Beschreibung der Reihen Ib und IIb über die abstrakte Konsonantenklasse „Obstruent“ verfehlt die konkrete Verteilung von h.
h wird daher als eigenständiger reihenkennzeichnender   Konsonant geführt.


4.3. w

Definition
w ist ein labiovelarer Approximant und gehört phonologisch zur Klasse der Sonoranten.
Auftreten
w tritt systematisch und nicht zufällig in

  • Ablautreihe Ib,
  • sowie in Ablautreihe VIIb(7e)

auf und trägt dort zur Abgrenzung gegenüber formal ähnlichen Reihen bei.
Außerdem erscheint inlautendes w häufig in Ablautreihe IIa und bewirkt dort im Präsens durchgehendes iu oder û.
Gleichzeitig neigt w dazu, im Singular Präteritum, mit dem vorangehenden Vokal zu verschmelzen bzw. zu schwinden.
Konsequenz
Die bloße Angabe „Sonorant“ ist für diese Reihen nicht hinreichend differenzierend.
w wird daher aus der allgemeinen Sonorantenklasse herausgelöst und als spezifischer reihenkennzeichnender    Konsonant behandelt.


4.4. ch

Definition
Die Graphie ch repräsentiert im Mittelhochdeutschen unterschiedliche lautgeschichtliche Ursprünge und ist daher nicht eindeutig interpretierbar.
Auftreten
Es sind mindestens zwei Typen zu unterscheiden:
a) Reflex von germanischem h

  • ch als orthographische Realisierung eines auslautenden h im Singular Präteritum
  • → Ablautreihe V: sehen – sach

b) Reflex von ahd. hh (< germ. k)

  • → genuine Obstruentenverbindung, bereits im Präsens vorhanden
  • → Ablautreihe IV: stechen – stach, mit Fortsetzung bis ins Partizip II
Darüber hinaus erscheint ch auch in Ablautreihen ohne sonstige Obstruentenverbindungen, z. B. in Ablautreihe IIa.
Konsequenz
ch kann nicht ausschließlich den Obstruentenverbindungen zugeordnet werden und wird daher separat behandelt.


4.5. Geminaten ff und tt

Definition
Bei ff und tt handelt es sich um geminierte Obstruenten, die als Konsonantenverbindungen analysiert werden.
Auftreten

  • ff ist unter anderem charakteristisch für die Ablautreihen IV (treffen) und VI (schaffen)
  • tt ist typisch für Ablautreihe IV, z. B. bretten < älteres gd
Beide Geminaten treten paradigmatisch stabil im Präsens und beim Partizip II auf.
Konsequenz
Aufgrund ihrer stabilen Reihenbindung werden ff und tt den Obstruentenverbindungen gesondert zugeordnet.



Startseite